Casual Gods

•März 21, 2008 • Kommentar schreiben

Geschafft – die LP war ersteigert. Der Blick auf die Portokosten trübt die Freude etwas. Also schnell ins weitere Programm des Anbieters geschaut, die Versandkosten bleiben schließlich bei einer zweiten, einer dritten Scheibe gleich.

Nun gut, nehmen wir noch die Talking Heads und, achja, Jerry Harrison, Keyboarder, Gitarrist und gelegentlicher Sänger dieser Band (und bei den frühen Modern Lovers des Jonathan Richman war er auch eine kurze Zeit).

Schnitt. Das Paket kommt. Sofort nach dem Öffnen nehme ich nicht die eigentlich erstandene LP in die Hand, nein, das Cover der Jerry Harrison-LP zieht mich magisch an: CASUAL GODS steht da gross und auf dem Schwarz-Weiß-Bild sind hohe Abhänge -ein Steinbruch etwa- zu erkennen. An diesen Abhängen, und das ist es, was mich fasziniert, wimmelt es von hunderten von …. Ameisen? Nein, es sind Menschen und beim näheren Hinschauen sehe ich überall an den Hängen unvorstellbar lange Leitern aufgestellt, an denen die Ameisenwesen hochklettern. Ich drehe die LP herum und sehe sie nun ganz nah auf den Leitern: sehe durchschwitzte Rücken mit Säcken darauf, Körper an Körper nach oben strebend. Die Kleidung verschmutzt, teilweise zerrissen, teilweise eins geworden mit der Haut, die Säcke auf den Schultern. Und dann ziehe ich das Innencover heraus und schaue in ein Gesicht in Nahaufnahme: ausgemergelt, sicher lange nicht gewaschen, auf den nassgeschwitzten Haaren ein Tuch. Die Arme gehen am Gesicht vorbei zum Kopf und dort halten die Hände ein Seil, das den Sack auf den Schultern absichert. Der Blick leblos, starr. Noch mal umgedreht, sieht mann überall Menschen hacken, graben.

“This is not a scene from a movie. These pictures were taken last year in Brazil. 50000 men are digging for gold in a hole that was once a mountain. Though they look like swarming ants or endless caravans of pack animals, they are men, reduced to this condition by poverty and the bewildering indifference of casual gods”.

Diesen Text hat Harrison ganz klein an den Fuss des Bildes des einzelnen Trägers gesetzt. Ich suche nach den Namen des Fotografen: Sebastiao Salgado. Und schalte sofort zu Wikipedia:

Sebastião Ribeiro Salgado (* 8. Februar 1944 in Aimorés, Bundesstaat Minas Gerais) ist ein brasilianischer Fotograf und Fotoreporter. Er lebt in Paris.

Salgado gehört zu den sozial engagierten Fotografen in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie. Der promovierte Ökonom, der ursprünglich als Verwaltungsangestellter für die International Coffee Organisation (ICO) arbeitete, kam er erst relativ spät autodidaktisch zur Fotografie. Seit 1973 ist er als Fotojournalist tätig. Salgado war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: John Hinckley junior verübte am 30. März 1981 ein Attentat auf den US-Präsidenten Ronald Reagan, Salgados Fotos von dem Anschlag haben ihm Geld für seine Projekte gebracht.

Salgado dokumentiert in selbst ausgewählten weltweiten Langzeitprojekten über Jahre hinweg mittels Schwarz-Weiß-Fotografien das Leben der Menschen vor allem am unteren Ende der Gesellschaft, insbesondere auch solchen aus der so genannten Dritten Welt. Nach Jahren entstehen so umfangreiche Bildbände und beeindruckende Wanderausstellungen. Berühmt geworden ist seine Fotoreportage von 1986 über hart arbeitende Tagelöhner in der brasilianischen Goldmine Serra Pelada, die wie im Mittelalter anmutet. Salgado, der zunächst in der renommierten Agentur Magnum Mitglied war, verließ diese und vermarktet mittlerweile seine Fotos durch seine Agentur Amazonas Images. Er fotografiert meist mit Leica-Kameras.

Inzwischen bin ich stolzer Besitzer eines kleinen Bildbändchen – die grossen Fotobände kosten mindestens 50 Euro, das muß noch warten.

Darum liebe ich das Leben: immer ist etwas Neues zu entdecken, immer wieder tauchen neu entdeckte Zusammenhänge, Verbindungen auf, werden sichtbar. Und überall Menschen, die in ihrer, mit ihrer Arbeit aufzeigen, dass alles zusammengehört auf dieser Welt. Rund ist sie schließlich, ein nicht enden wollender Kreislauf. Überall Menschen, die nicht nur Musiker sind, oder Fotograf, oder Journalist, oder Krämer, oder … Die in ihrer eigentlichen Arbeit aufzeigen, eingreifen, verbinden.

“Immer suchst Du das, was herunterzieht, Du liest es, Du hörst es Dir per Musik an”, diesen Vorwurf musste ich mir in meinem Leben oft anhören. Mich bringt es aber nicht runter, wenn jemand von der Schwere des Lebens, des Schicksals, von den Bedingungen irgendwo auf der Welt oder in der Geschichte berichtet. Es würde mich herunterziehen, wenn ich die Augen vor all dem verschließen würde. Ich höre, lese, sehe ja nicht diejenigen, die herunterziehen wollen, sondern die, die aus dieser Schwere, aus diesem Schicksal etwas machen, aufzeigen: “Das habe ich gesehen, das habe ich durchgemacht – und diese Konsequenz ziehe ich daraus, diese Lebensveränderung vollziehe ich deswegen”. Das Schwere, das tatsächlich da ist, muss, will ich sehen und nicht verleugnen. Aber es soll mich zum Handelnden machen, auch zum Verantwortlichen. Denn nur, wenn ich das werde, kann ich Veränderungen angehen, kann ich aktiv sein. Einzig und allein mit den Finger zeigen auf andere, auf diejenigen, die schuld, verantwortlich sind, ist passiv, macht handlungsunfähig, lethargisch.

Menschen wie Sebastiao Salgado und Jerry Harrison “kennengelernt” zu haben macht Mut! Das Leben ist schön, interessant und vielseitig, ich liebe es. Aber zum Leben gehört auch, den Mann mit dem ausgemergelten Gesicht und dem Gewicht auf dem Rücken nicht zu vergessen. Diesen Mann, der sicherlich neben der Plackerei keine Freizeit hat, sondern nur in irgendeine kaum geschützte Ecke fällt, wenn die Arbeit vorbei ist und er irgendeinen Fraß verschlungen hat. Ihn nicht vergessen, obwohl er sicherlich längst tot ist, denn er kann die 20 Jahre, die seit der Entstehung der Fotos vergangen sind, kaum überlebt haben (er war da schon Mitte 20). Andere sind an seine Stelle getreten, Nachfolger, die jetzt dort in Brasilien unsere Währung sichern, die Grundlage unseres Wohlstandes, dort oder irgend wo anders auf dieser Welt. Doch wie und mit wem Wege und Möglichkeiten suchen, ihnen die viel zu schwere Last von den Schultern zu nehmen?

Casual Gods – der Name einer Band, der auf einer LP prankt. Jetzt bin ich nicht einmal mit ein paar Worten auf die Musik eingegangen. Entschuldige, Jerry…..

Like Emma

•März 6, 2008 • 1 Kommentar

Von der Handlung allein hätte der Traum nicht diesen Einfluss auf meinen Tag gehabt: zwei gehen, irgendwo, Landschaft umher, Traumlandschaft eben, sie reden. Der Satz, der dann diese Bedeutung bekommt, ist nur angehängt an den eigentliche Redetext, Du erinnerst Dich nicht mehr daran. Nur noch an diesen Satzfetzen: “Jetzt, wo der Krebs wieder bei ihr ausgebrochen ist….”. Gesprochen hat diesen Satz eine frühere Kollegin und gute Freundin Deiner Liebsten. Das allein zeigt schon, dass das, was gerade stattfindet, nur ein Traum ist. Im Wachzustand ist dieser Spaziergang kaum denkbar: Du magst diese Frau nicht sonderlich, findest sie oberflächlich, plapprig.

Nun, sie ist ja auch schon verschwunden, Du bist wach oder dabei, wach zu werden. Nur dieser Satz ist noch da. Der Traum ist fort, der Satz bleibt. Krebs. Warum hat sie nicht mit Dir darüber gesprochen, was mag sie zum Schweigen bewogen haben? Dein Stress die letzten Monate? Erst langsam dämmert es Dir: Wieder ausgebrochen? Dann hätte doch vorher schon…. Dein Verstand will den Satz dem Traum zuordnen – allein: Dein Gefühl kann das nicht beeinflussen. Du willst der Stimmung nicht weiter beherrscht werden, daher stehst Du auf, gehst schon zur Arbeit. Es ist 4.30 Uhr.

Es hilft, diese Angst verschwindet, aber Du spürst den Schleier den ganzen Tag, er sorgt dafür, dass Du keine Minute frei bist. Auch als Du zu Hause angekommst, häufen sich Probleme obenauf. Nicht nur deshalb sprichst Du nicht mit Deiner Liebsten über den Traum. Du ziehst Dich zurück, gerätst in Gefahr, völlig in diesem Gefühlszustand zu versinken. Als Du Dein Laptop hochfährst, fällt Dein Blick nur zufällig auf die Aufnahme, die Du auf der Oberfläche gespeichert, aber noch nicht angesehen hast: LIKE A HURRICANE, aufgenommen bei der BLUE-ROSE-CHRISTMAS-PARTY am 15.Dezember 2007 in der Bluesgarage Hannover. Du warst live dabei, mit Klaus.

Ein Klick, die ersten Töne aus der Gitarre von Ad Vanderveen, und Du bist wieder dort, bei diesem Concert. Der Endspurt läuft, die SAND RUBIES hatten einen furiosen Auftritt hingelegt, jetzt spielen alle 20 Interpreten des Abends in wechselnder Zusammensetzung. Gerade wird Drummer Winston Watson auf die Bühne gerufen, dann Rich Hopkins, Vanderveen steigt schon mit der Gitarre und den Neil-Young-typischen Bewegungen ein.

Als dann alle loslegen – und sie legen los, weil schon der ganze Abend super gelaufen ist- spürst Du es wieder: Du hast verschiedene eigene Therapieformen, aber wenn Du im Loch bist, hast Du sie vergessen. Die Musik ist die wirksamste Deiner Methoden, und schnell ziehen viele Situationen in Deinem Leben an Dir vorbei, in denen Du Dich fühlst like a “Small Blue Thing”. (Today I Am A Small Blue Thing Made Of China Made Of Glass) – und in denen dann die wahren Künstler kommen, Dich zu retten. Das vermögen sie wirklich, die Nits, Calexico, Leonard Cohen, Waterboys, Neil Young, David Thomas / Pere Ubu, Green On Red, Nikki Sudden, Phil Shoenfelt und so viele andere.

Der “Hurricane” zieht an Dir vorbei: Vanderveen singt wirklich wie Young und die Gitarre spielt er natürlich auch, dazu Joseph Parsons, 2.Gesang und ebenfalls Gitarre, Chris Cacavas am Piano, Ken Andree am Bass und eben Winston Watson an den Drums. Am Ende der 12 Minuten bist Du fast geheilt, aber Du willst den HURRICANE noch vom “Meister himself” sehen. Holst YEAR OF THE HORSE heraus, funktioniert aber nicht, heute muss es der junge Young sein, so wechselst Du schnell zur Fassung auf RUST NEVER SLEEPS, streifst noch HEY HEY MY MY und umgekehrt und natürlich CORTEZ THE KILLER.

Therapie gelungen, Traum und die von ihm verursachte Lähmung fort. Verdrängt?. Nein, Musik, die nur zum Verdrängen beiträgt, hilft Dir nicht, Deine Musik muss fähig sein, Dich zu re-aktivieren, Blockaden, Stimmungen zu schaffen oder zu lösen. Durch Melodien, Textfetzen (IT’S BETTER TO BURN OUT THAN IT IS TO RUST), durch die Ausstrahlung der Akteure, durch das Zusammenspiel. Teamwork, das Dich animieren kann, mit anderen zusammen zu arbeiten, zu spielen. Echte Musik braucht Menschen – auf der Seite der Spielenden, auf der Seite der Zuhörenden. Denn solche Musik ist etwas zutiefst Menschliches – auch wenn wir inzwischen wissen, dass der Satz „Böse Menschen kennen keine Lieder“ schon sehr lange seine Gültigkeit verloren hat.

Mir geht’s gut, wie geht es Dir?

Abschied ist überall….

•Februar 28, 2008 • 2 Kommentare

28.02.08/15.30h

mit foggyman in die eisdiele gegenüber, abschiedstreffen. er verändert sich beruflich, von daher werden die oft täglichen, meist kurzen begegnungen wegfallen, längere müssen dann organisiert werden.

ich weiß nicht mal, wann du mir das erste mal aufgefallen bist und habe in diesem gespräch auch versäumt, dich zu fragen. im laufe der zeit haben wir uns jedenfalls sowohl über gott und die welt unterhalten (musik war meiner erinnerung nach der auslöser und blieb der rote faden) als auch praktische dinge locker, mühelos, aber trotzdem mit voller konzentration durchgeführt: z.b.veröffentlichten reports über klimaschutz und einer mitglieder-einkaufsgemeinschaft,  z.b. den hinweis auf eine örtliche fotografin, die geschmackvolle postkarten gestaltet und jetzt zum schluss das gemeinsam besprochene, geplante und durchgeführte konzert mit mr.medley, new foggy few und pete morton, ein schöner erfolgreicher abend, an dem insgesamt 110 menschen beteiligt waren….

völlig unterschiedliche themen/projekte, alles nebenbei, zwischen tür und angel, ohne anstrengung.

erst der verlust lässt dich in diesem leben spüren, was du (als selbstverständlich hingenommen) gehabt hast…. dieser satz wurde mir bewusst, als vor 2 jahren wilhelm starb, urplötzlich, gerade 52 jahre als wie ich selbst. die hälfte dieser 52 jahre hatten wir uns gekannt. zusammen und nebeneinander hatten wir diverse grüne gruppierungen gegründet und mitbegründet, waren zeitweise fast jedes wochenende in nrw politisch unterwegs, unterhielten mit anderen zusammen ein sogenanntes sonntagsfrühstück, aus dem heraus nicht nur die namen dann real werdender projekte wie “grüne liste vlotho”, “grüne liste kalletal”, “cafe klatsch”, “hofnarr” und “regenwurm” entstanden. ich sehe die alten fotos von dir, wie du z.b., auf einer leiter stehend den schriftzug des ersten “regenwurm” anbringst.

wir waren beide eckpfeiler der flüchtlingsbasketballgruppe des hofnarr, wir diskutierten dort und überall – kontrovers, meist aber auf einer linie. ich sehe langwierige differenzen (z.b. um ein interview mit dir, das ich veröffentlichte – nach deiner meinung und der deiner partnerin hatte ich jedoch nicht die letzte genehmigung eingeholt), ich sehe viele situationen, in denen ich dich als sehr dogmatisch empfand, beim thema rauchen sehr oft, ebenso bei politischen themen, situationen, anhand derer ich heute erkenne, dass einem an anderen oft das stört, was eigentlich das eigene manko ist.

ich lasse ungerne meine gedanken, meine empfindungen, mein leben in kategorien pressen. leben ist selbstverständlich, es ist selbstverständlich, dass es wenige menschen gibt, bei denen wir (meist vom ersten moment an, oft unerklärlicherweise, grundlos) viele gemeinsamkeiten spüren und sehr viele, die wir in der ersten sekunde der ersten begegnung in die schublade: “möglichst wenig berührungen mit diesem menschen haben” packen. z.b. die kategorisierung “freund” ist mir fremd. als mir beim anruf von friedhelm die worte entgegenprallten “wilhelm ist tot” und ich verwirrt fragte “welcher wilhelm?” und mir später bewusst wurde, dass ich nur einen mit diesem namen kenne und dieser satz allein aus dem bedürfnis heraus entstand: zwar zu wissen, was der satz bedeutet, aber es nicht wahrhaben zu wollen… als danach eine wochen- und monatelange depression einsetzte, die 2 monate später durch nikkis tod (nicht einmal 50 geworden) arg verstärkt wurde… da erst musste ich mir schwarz auf weiss den verlust erklären können…. mit worten, mit worten, die da heissen freund, heimat, zuhause, geborgen, fallen lassen können….

in den letzten jahren ist mir diese heimat hier, diese stadt schwer geworden, langweilig, gewohnheit, ein unaufmerksam-sein, ein aneinander-vorbeileben… gemildert, erträglich gemacht haben dies menschen, die plötzlich von “aussen” hinein kamen und trotzdem schnell vertraut wurden: kathrin, klaus, wolfram, achim, günter, foggyman…. natürlich war es nicht oberflächlich, dass ich diese begrifflichkeiten wie “freund”, “liebe” eigentlich ablehne, weil ihr “ge”-brauch meist “miss”-brauch (d.i. werbung) ist. aber es ist auch ein versäumnis, die begriffe nicht von zeit zu zeit zu gebrauchen…. weil feedback selten geworden ist, weil es in einen topf geworfen wird mit eben dieser werbung…

beim abschied erst wird einem verlust bewusst…. ich meine dies nicht weh-leidig, -mütig – nur als feststellung. auf wiedersehen, foggyman!!!!!!!!!

übrigens hat eines der deutschen lieder, dessen text wie mir auf den leib geschrieben zu sein schien, die zeilen “ich red zuviel” im refrain….

der erste blog-text meines lebens! dass er entstehen konnte, verdanke ich (in dieser reihenfolge): arndt, wordpress, salvadore und ghosthouse. vielen dank, freunde!