Geschafft – die LP war ersteigert. Der Blick auf die Portokosten trübt die Freude etwas. Also schnell ins weitere Programm des Anbieters geschaut, die Versandkosten bleiben schließlich bei einer zweiten, einer dritten Scheibe gleich.
Nun gut, nehmen wir noch die Talking Heads und, achja, Jerry Harrison, Keyboarder, Gitarrist und gelegentlicher Sänger dieser Band (und bei den frühen Modern Lovers des Jonathan Richman war er auch eine kurze Zeit).
Schnitt. Das Paket kommt. Sofort nach dem Öffnen nehme ich nicht die eigentlich erstandene LP in die Hand, nein, das Cover der Jerry Harrison-LP zieht mich magisch an: CASUAL GODS steht da gross und auf dem Schwarz-Weiß-Bild sind hohe Abhänge -ein Steinbruch etwa- zu erkennen. An diesen Abhängen, und das ist es, was mich fasziniert, wimmelt es von hunderten von …. Ameisen? Nein, es sind Menschen und beim näheren Hinschauen sehe ich überall an den Hängen unvorstellbar lange Leitern aufgestellt, an denen die Ameisenwesen hochklettern. Ich drehe die LP herum und sehe sie nun ganz nah auf den Leitern: sehe durchschwitzte Rücken mit Säcken darauf, Körper an Körper nach oben strebend. Die Kleidung verschmutzt, teilweise zerrissen, teilweise eins geworden mit der Haut, die Säcke auf den Schultern. Und dann ziehe ich das Innencover heraus und schaue in ein Gesicht in Nahaufnahme: ausgemergelt, sicher lange nicht gewaschen, auf den nassgeschwitzten Haaren ein Tuch. Die Arme gehen am Gesicht vorbei zum Kopf und dort halten die Hände ein Seil, das den Sack auf den Schultern absichert. Der Blick leblos, starr. Noch mal umgedreht, sieht mann überall Menschen hacken, graben.
“This is not a scene from a movie. These pictures were taken last year in Brazil. 50000 men are digging for gold in a hole that was once a mountain. Though they look like swarming ants or endless caravans of pack animals, they are men, reduced to this condition by poverty and the bewildering indifference of casual gods”.
Diesen Text hat Harrison ganz klein an den Fuss des Bildes des einzelnen Trägers gesetzt. Ich suche nach den Namen des Fotografen: Sebastiao Salgado. Und schalte sofort zu Wikipedia:
Sebastião Ribeiro Salgado (* 8. Februar 1944 in Aimorés, Bundesstaat Minas Gerais) ist ein brasilianischer Fotograf und Fotoreporter. Er lebt in Paris.
Salgado gehört zu den sozial engagierten Fotografen in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie. Der promovierte Ökonom, der ursprünglich als Verwaltungsangestellter für die International Coffee Organisation (ICO) arbeitete, kam er erst relativ spät autodidaktisch zur Fotografie. Seit 1973 ist er als Fotojournalist tätig. Salgado war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: John Hinckley junior verübte am 30. März 1981 ein Attentat auf den US-Präsidenten Ronald Reagan, Salgados Fotos von dem Anschlag haben ihm Geld für seine Projekte gebracht.
Salgado dokumentiert in selbst ausgewählten weltweiten Langzeitprojekten über Jahre hinweg mittels Schwarz-Weiß-Fotografien das Leben der Menschen vor allem am unteren Ende der Gesellschaft, insbesondere auch solchen aus der so genannten Dritten Welt. Nach Jahren entstehen so umfangreiche Bildbände und beeindruckende Wanderausstellungen. Berühmt geworden ist seine Fotoreportage von 1986 über hart arbeitende Tagelöhner in der brasilianischen Goldmine Serra Pelada, die wie im Mittelalter anmutet. Salgado, der zunächst in der renommierten Agentur Magnum Mitglied war, verließ diese und vermarktet mittlerweile seine Fotos durch seine Agentur Amazonas Images. Er fotografiert meist mit Leica-Kameras.
Inzwischen bin ich stolzer Besitzer eines kleinen Bildbändchen – die grossen Fotobände kosten mindestens 50 Euro, das muß noch warten.
Darum liebe ich das Leben: immer ist etwas Neues zu entdecken, immer wieder tauchen neu entdeckte Zusammenhänge, Verbindungen auf, werden sichtbar. Und überall Menschen, die in ihrer, mit ihrer Arbeit aufzeigen, dass alles zusammengehört auf dieser Welt. Rund ist sie schließlich, ein nicht enden wollender Kreislauf. Überall Menschen, die nicht nur Musiker sind, oder Fotograf, oder Journalist, oder Krämer, oder … Die in ihrer eigentlichen Arbeit aufzeigen, eingreifen, verbinden.
“Immer suchst Du das, was herunterzieht, Du liest es, Du hörst es Dir per Musik an”, diesen Vorwurf musste ich mir in meinem Leben oft anhören. Mich bringt es aber nicht runter, wenn jemand von der Schwere des Lebens, des Schicksals, von den Bedingungen irgendwo auf der Welt oder in der Geschichte berichtet. Es würde mich herunterziehen, wenn ich die Augen vor all dem verschließen würde. Ich höre, lese, sehe ja nicht diejenigen, die herunterziehen wollen, sondern die, die aus dieser Schwere, aus diesem Schicksal etwas machen, aufzeigen: “Das habe ich gesehen, das habe ich durchgemacht – und diese Konsequenz ziehe ich daraus, diese Lebensveränderung vollziehe ich deswegen”. Das Schwere, das tatsächlich da ist, muss, will ich sehen und nicht verleugnen. Aber es soll mich zum Handelnden machen, auch zum Verantwortlichen. Denn nur, wenn ich das werde, kann ich Veränderungen angehen, kann ich aktiv sein. Einzig und allein mit den Finger zeigen auf andere, auf diejenigen, die schuld, verantwortlich sind, ist passiv, macht handlungsunfähig, lethargisch.
Menschen wie Sebastiao Salgado und Jerry Harrison “kennengelernt” zu haben macht Mut! Das Leben ist schön, interessant und vielseitig, ich liebe es. Aber zum Leben gehört auch, den Mann mit dem ausgemergelten Gesicht und dem Gewicht auf dem Rücken nicht zu vergessen. Diesen Mann, der sicherlich neben der Plackerei keine Freizeit hat, sondern nur in irgendeine kaum geschützte Ecke fällt, wenn die Arbeit vorbei ist und er irgendeinen Fraß verschlungen hat. Ihn nicht vergessen, obwohl er sicherlich längst tot ist, denn er kann die 20 Jahre, die seit der Entstehung der Fotos vergangen sind, kaum überlebt haben (er war da schon Mitte 20). Andere sind an seine Stelle getreten, Nachfolger, die jetzt dort in Brasilien unsere Währung sichern, die Grundlage unseres Wohlstandes, dort oder irgend wo anders auf dieser Welt. Doch wie und mit wem Wege und Möglichkeiten suchen, ihnen die viel zu schwere Last von den Schultern zu nehmen?
Casual Gods – der Name einer Band, der auf einer LP prankt. Jetzt bin ich nicht einmal mit ein paar Worten auf die Musik eingegangen. Entschuldige, Jerry…..
