Like Emma

Von der Handlung allein hätte der Traum nicht diesen Einfluss auf meinen Tag gehabt: zwei gehen, irgendwo, Landschaft umher, Traumlandschaft eben, sie reden. Der Satz, der dann diese Bedeutung bekommt, ist nur angehängt an den eigentliche Redetext, Du erinnerst Dich nicht mehr daran. Nur noch an diesen Satzfetzen: „Jetzt, wo der Krebs wieder bei ihr ausgebrochen ist….“. Gesprochen hat diesen Satz eine frühere Kollegin und gute Freundin Deiner Liebsten. Das allein zeigt schon, dass das, was gerade stattfindet, nur ein Traum ist. Im Wachzustand ist dieser Spaziergang kaum denkbar: Du magst diese Frau nicht sonderlich, findest sie oberflächlich, plapprig.

Nun, sie ist ja auch schon verschwunden, Du bist wach oder dabei, wach zu werden. Nur dieser Satz ist noch da. Der Traum ist fort, der Satz bleibt. Krebs. Warum hat sie nicht mit Dir darüber gesprochen, was mag sie zum Schweigen bewogen haben? Dein Stress die letzten Monate? Erst langsam dämmert es Dir: Wieder ausgebrochen? Dann hätte doch vorher schon…. Dein Verstand will den Satz dem Traum zuordnen – allein: Dein Gefühl kann das nicht beeinflussen. Du willst der Stimmung nicht weiter beherrscht werden, daher stehst Du auf, gehst schon zur Arbeit. Es ist 4.30 Uhr.

Es hilft, diese Angst verschwindet, aber Du spürst den Schleier den ganzen Tag, er sorgt dafür, dass Du keine Minute frei bist. Auch als Du zu Hause angekommst, häufen sich Probleme obenauf. Nicht nur deshalb sprichst Du nicht mit Deiner Liebsten über den Traum. Du ziehst Dich zurück, gerätst in Gefahr, völlig in diesem Gefühlszustand zu versinken. Als Du Dein Laptop hochfährst, fällt Dein Blick nur zufällig auf die Aufnahme, die Du auf der Oberfläche gespeichert, aber noch nicht angesehen hast: LIKE A HURRICANE, aufgenommen bei der BLUE-ROSE-CHRISTMAS-PARTY am 15.Dezember 2007 in der Bluesgarage Hannover. Du warst live dabei, mit Klaus.

Ein Klick, die ersten Töne aus der Gitarre von Ad Vanderveen, und Du bist wieder dort, bei diesem Concert. Der Endspurt läuft, die SAND RUBIES hatten einen furiosen Auftritt hingelegt, jetzt spielen alle 20 Interpreten des Abends in wechselnder Zusammensetzung. Gerade wird Drummer Winston Watson auf die Bühne gerufen, dann Rich Hopkins, Vanderveen steigt schon mit der Gitarre und den Neil-Young-typischen Bewegungen ein.

Als dann alle loslegen – und sie legen los, weil schon der ganze Abend super gelaufen ist- spürst Du es wieder: Du hast verschiedene eigene Therapieformen, aber wenn Du im Loch bist, hast Du sie vergessen. Die Musik ist die wirksamste Deiner Methoden, und schnell ziehen viele Situationen in Deinem Leben an Dir vorbei, in denen Du Dich fühlst like a „Small Blue Thing“. (Today I Am A Small Blue Thing Made Of China Made Of Glass) – und in denen dann die wahren Künstler kommen, Dich zu retten. Das vermögen sie wirklich, die Nits, Calexico, Leonard Cohen, Waterboys, Neil Young, David Thomas / Pere Ubu, Green On Red, Nikki Sudden, Phil Shoenfelt und so viele andere.

Der „Hurricane“ zieht an Dir vorbei: Vanderveen singt wirklich wie Young und die Gitarre spielt er natürlich auch, dazu Joseph Parsons, 2.Gesang und ebenfalls Gitarre, Chris Cacavas am Piano, Ken Andree am Bass und eben Winston Watson an den Drums. Am Ende der 12 Minuten bist Du fast geheilt, aber Du willst den HURRICANE noch vom „Meister himself“ sehen. Holst YEAR OF THE HORSE heraus, funktioniert aber nicht, heute muss es der junge Young sein, so wechselst Du schnell zur Fassung auf RUST NEVER SLEEPS, streifst noch HEY HEY MY MY und umgekehrt und natürlich CORTEZ THE KILLER.

Therapie gelungen, Traum und die von ihm verursachte Lähmung fort. Verdrängt?. Nein, Musik, die nur zum Verdrängen beiträgt, hilft Dir nicht, Deine Musik muss fähig sein, Dich zu re-aktivieren, Blockaden, Stimmungen zu schaffen oder zu lösen. Durch Melodien, Textfetzen (IT’S BETTER TO BURN OUT THAN IT IS TO RUST), durch die Ausstrahlung der Akteure, durch das Zusammenspiel. Teamwork, das Dich animieren kann, mit anderen zusammen zu arbeiten, zu spielen. Echte Musik braucht Menschen – auf der Seite der Spielenden, auf der Seite der Zuhörenden. Denn solche Musik ist etwas zutiefst Menschliches – auch wenn wir inzwischen wissen, dass der Satz „Böse Menschen kennen keine Lieder“ schon sehr lange seine Gültigkeit verloren hat.

Mir geht’s gut, wie geht es Dir?

~ von nikkisuddenly am März 6, 2008.

Eine Antwort to “Like Emma”

  1. Ja, die Musik ist etwas zutiefst Menschliches. Und ohne Musik, ohne Klang und Rhythmus wäre die menschliche Gesellschaft sicher anders und schwer vorstellbar. Musik vermag so vieles. Die Formulireung re-aktivieren gefällt mir. Das trifft recht gut, was Musik bei mir so manches Mal schafft. Manchmal reicht allein das nennen eines Titels (so wie MY MY HEY HEY der auch SMALL BLUE THING), Situationen in mein Gedächtnis, in meinen Körper, zurückkehren zu lassen. Entspannung, Wohlgefühl aber auch Aufregung, Kraft und Energie.
    Aber Musik kann nicht nur im positiven Sinne Gefühle in eine Richtung lenken, in Stimmung bringen. Sogar Liebeslieder, in die man sich hineinsteigert, können Sehnsucht verstärken, wachsen lassen, auf magische Weise zum Selbstläufer werden lassen. Tja, und die Geschichte mit den bösen Menschen: die haben eben böse Lieder.
    Musik kann Wut transportieren, aufhetzen, gleichschalten. Auch insofern ist Musik schon immer etwas zutiefst Menschliches gewesen.

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